Für viele Menschen sei das Pendeln der schlimmste Teil des Tages. Das behauptete der Nobelpreisträger Daniel Kahneman. In seiner Studie zum subjektiven Erleben von sechzehn Alltagsaktivitäten landete das Pendeln auf dem letzten Platz. Kahneman riet: «Massnahmen, die den Arbeitsweg verkürzen und angenehmer gestalten, wären ein einfacher Weg, um dieses zwar geringfügige, aber weitverbreitete Leid zu lindern.»
Wer Kahneman glaubt, sieht ein Land voller Leidender, denn die Schweiz ist eine Pendlernation: 71 Prozent der Erwerbstätigen pendeln für die Arbeit in eine andere Gemeinde. Die Hälfte nimmt das Auto, knapp ein Drittel nutzt öffentliche Verkehrsmittel, neun Prozent gehen zu Fuss, und neun Prozent fahren mit dem Velo. Forscher unterscheiden zwischen aktivem und passivem Pendeln. Wer aktiv pendelt, also mit dem Velo oder zu Fuss zur Arbeit geht, profitiert von besserer psychischer Gesundheit, mehr Lebenszufriedenheit und weniger Stress als passive Pendler. Der Arbeitsweg mit dem Auto belastet die Psyche stärker als das Pendeln mit öffentlichen Verkehrsmitteln.
Die Klassiker – aufgekratzte Senioren und Dauerschniefer
Wenn ich mit Freunden übers Pendeln rede, fällt mir auf, dass es nicht alle verfluchen. Manche geniessen diese Zeit als bewussten Übergang zwischen zwei Welten mit unterschiedlichen Anforderungen: Sie singen beim Autofahren, lesen Bücher oder hören Podcasts im Zug oder fahren mit dem Rennvelo nach Hause. Andere nutzen die Zeit im öV, um sich einen Vorsprung bei ihren Aufgaben zu verschaffen oder liegengebliebene Arbeiten zu erledigen.
Kann man beim Pendeln effizient arbeiten? Als Unternehmensberaterin, die im Zug quer durch die Schweiz zu Kunden reist, erlebe ich beides: Phasen des hochkonzentrierten Arbeitens und ständiges Abgelenktwerden. Kürzlich hielt ich einem Mann schräg gegenüber demonstrativ ein Päckchen Taschentücher hin, weil ich sein Nasehochziehen nicht mehr ertrug. Ein anderes Mal verstand mein Geschäftspartner am Telefon die laut schwatzende Seniorengruppe neben mir besser als mich. Und im Intercity-Zug schrillte vor einigen Wochen ein technischer Alarm so laut und penetrant, dass der Zugbegleiter sichtlich in Panik geriet, während die Durchsage die Fahrgäste ermahnte, ruhig zu bleiben. Ich bereitete eine Nachricht an meinen Mann vor – für den Fall, dass etwas Schlimmes passiert. Diese Zugfahrt war sicher nicht meine produktivste.
Konzentration leidet, Kreativität nicht
Was sagt die Forschung zur Produktivitätsfrage beim Pendeln? Die deutsche Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat in einer Studie untersucht, wie der Arbeitsort die Leistung und die wahrgenommene psychische Belastung beeinflusst. Die Teilnehmenden waren entweder zweieinhalb Stunden im Zug unterwegs oder sassen im Büro. Sie mussten dabei entweder eine Routineaufgabe oder eine kreative Aufgabe bearbeiten.
Die Ergebnisse sind eindeutig: Routineaufgaben erledigten die Teilnehmenden im Zug langsamer als im Büro. Bei den kreativen Aufgaben waren die Leistungen im Zug und im Büro vergleichbar. Allerdings fühlten sich die Teilnehmenden nach kreativer Arbeit im Zug körperlich erschöpfter, frustrierter und weniger zufrieden mit der Ausführung der Aufgaben als im Einzelbüro. Als Gründe nannten sie die schlechte Sitzhaltung, den beschränkten Platz, Ablenkungen und die fehlende Privatsphäre. Offenbar verausgaben sich die Menschen im Zug stärker für ähnliche Ergebnisse.
Inspiration beim Blick durchs Fenster
Doch es gibt auch Gegenbeispiele – Menschen, die langes Pendeln nicht als Belastung empfinden. Mein Vater flog in den Neunzigern zeitweise einmal wöchentlich ins Büro nach London und kehrte am selben Tag zurück. In den nuller Jahren sass er fast täglich je zweieinhalb Stunden im Zug zur Arbeit und zurück. Von diesen fünf Stunden nutzte er nach eigener Angabe vier für konzentriertes Arbeiten. Das Pendeln habe ihn nie gestresst, sondern Raum für fokussierte Projektarbeit und das Erledigen diverser Aufgaben gegeben. Wenn er bei einem Problem nicht weiterkam, blickte er einige Minuten aus dem Fenster – oft ploppte dann die Lösung auf. Für ihn ist das Pendeln eine Frage der Einstellung: «Hätte ich mir gesagt, Pendeln sei mühsam, dann hätten meine Produktivität und meine Gesundheit wohl stark darunter gelitten.»
Doch selbst mein Vater muss zugeben: Das Pendeln hatte negative Folgen. Bei ihm litt die Ernährung, und er bewegte sich zu wenig. Seit der Pandemie arbeitete er viel öfter im Home-Office – und profitierte von besserer Gesundheit und mehr Schritten pro Tag.
Vielleicht müssen wir Kahneman trotzdem ernst nehmen und uns überlegen, wie wir nicht nur Züge und Autobahnen entlasten, sondern auch uns selbst. Pendeln kostet selten nur Zeit. Meist bezahlen wir mit unserer Energie und Lebenszufriedenheit. Beides gilt es zu schützen.
Dieser Text ist am 24.5.26 in der NZZ am Sonntag erschienen.

