Wenn die Tage kürzer werden und die Weihnachtsbeleuchtung die Städte in warmes Licht taucht, beginnt die Zeit des Schenkens. Im Büro stapeln sich die Geschenke, Mitarbeitende erhalten kleine Aufmerksamkeiten, und Vorgesetzte schreiben Weihnachtskarten. Ob materiell, finanziell oder in Worten – jedes Geschenk soll Wertschätzung ausdrücken. Denn längst ist klar: Wertschätzung ist so wichtig wie der Zucker in den Weihnachtsguetzli.
Die Forschung zeigt, dass Wertschätzung all das bewirkt, was Arbeitgeber fördern möchten: Sie steigert die Arbeitszufriedenheit, die Motivation, die Produktivität und die Leistungsfähigkeit. Und auch Angestellte profitieren enorm von den Wirkungen von Wertschätzung: Sie verbessert das Wohlbefinden, die Erholung und die Schlafqualität. Gleichzeitig werden Stress, Belastung, das Burnout-Risiko und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen gesenkt. Wertschätzung ist sozusagen ein Wundergeschenk.
Manche fürchten, ein Lob könnte die Motivation senken
Angesichts all dieser positiven Auswirkungen überrascht es, dass mangelnde Wertschätzung laut der Marktforschung Gallup einer der Hauptgründe für Kündigungen ist. Wenn ich Führungskräfte frage, warum sie im Arbeitsalltag nicht mehr Geschenke verteilen, also Wertschätzung äussern, kommen ganz viele Antworten.
Sie schieben die Schuld auf den Zeitmangel durch hohe Arbeitsbelastung, den Fokus auf Fehler und Defizite, die Annahme, dass gute Arbeit selbstverständlich sei und daher kein Lob erfordere, die fehlende Sichtbarkeit der individuellen Leistungen der Mitarbeitenden und die Sorge, dass Wertschätzung nicht authentisch wirke oder falsch verstanden werde. In manchen Köpfen herrscht zudem die Einstellung, dass «nicht geschimpft schon genug gelobt» ist. Einige Führungskräfte geben auch zu, dass sie zu wenig Übung darin haben oder befürchten, dass Mitarbeitende sich auf ihren Lorbeeren ausruhen könnten. Als ob der Hunger nach Wertschätzung jemals gestillt werden könnte.
Wofür wird im Alltag überhaupt Wertschätzung ausgedrückt? Die Arbeitspsychologin Nicola Jacobshagen schreibt, dass meist Zusatzarbeit der Grund dafür ist: Vorgesetzte loben Mitarbeitende weniger für ihre eigentliche Arbeit, sondern erst dann, wenn sie beispielsweise während der Krankheitsabwesenheit eines Teammitglieds ausgeholfen oder neue Aufgaben übernommen und diese zur Zufriedenheit des Vorgesetzten erfüllt haben.
Viele Mitarbeitende klagen über mangelnde Wertschätzung. Doch liegt das wirklich nur an den Vorgesetzten? Die Forschung von Jacobshagen zeigt: Die wichtigste Quelle der Wertschätzung sind die Vorgesetzten, danach folgen die Kunden. In einer Zeit, in der viele Kundenkontakte durch Automatisierung wegfallen, müssen wir sicherstellen, dass positives Kundenfeedback die Mitarbeitenden erreicht.
Dafür empfehle ich jeweils, dass Teams eine «Wertschätzungswand» einrichten, auf der Komplimente und nette Rückmeldungen der Kunden aufgehängt werden. Auch Vorgesetzte verdienen Wertschätzung. Jacobshagen sagt dazu: «Wenn Mitarbeitende sich über mangelnde Wertschätzung beklagen, frage ich gern zurück, wie und wann sie denn ihre Führungskräfte wertschätzen – da kommt häufig Schweigen.» Vorgesetzte sind zufriedener und fühlen sich emotional und körperlich besser, wenn sie Wertschätzung erhalten. Kein Wunder, denn Wertschätzung ist ein menschliches Grundbedürfnis – unabhängig von Alter und Funktion.
Essbare Geschenke sind zu einem Minenfeld geworden
Weihnachtszeit ist Geschenkezeit. Aber freuen sich Angestellte überhaupt über Geschenke? Freunde erzählten mir von seltsamen Weihnachtsgeschenken ihres Arbeitgebers, wie zum Beispiel einem Wecker mit dem Logo des Unternehmens. Der Beschenkte fragte sich: «Denken die, wir sind alle schlafende Faulenzer?» Oder die Flasche Gin für die stillende Mitarbeiterin. Auch essbare Geschenke sind heikel, denn Unverträglichkeiten und individuelle Ernährungspräferenzen machen es fast unmöglich, etwas Passendes für alle zu finden. Was mit guter Absicht beginnt, kommt selten gut an.
Vielleicht sollten Arbeitgeber ganz auf materielle Geschenke verzichten. Laut dem Amerikaner Gary Chapman, Begründer des Konzepts und Autor des Buches «Die fünf Sprachen der Wertschätzung», freuen sich nur 6 Prozent der Menschen am meisten über Geschenke, verglichen mit anderen Formen von Wertschätzung, wie gemeinsam verbrachter Zeit oder Unterstützung. Am meisten gewünscht und am verträglichsten über alle Altersgruppen sind Lob und Anerkennung.
Nach dem Weihnachtsstress und den Festtagsgelagen beginnt die ruhige Zeit zwischen den Jahren. Nutzen Sie die Gelegenheit, um darüber nachzudenken, was Sie im neuen Jahr besser machen können. Ein kleiner Tipp: Wertschätzung ist das wertvollste und nachhaltigste Geschenk. Verteilen Sie es grosszügig!
Dieser Text ist am 07.12.25 in der NZZ am Sonntag erschienen.
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